Aus dem Kapitel: Erste Fragen und
Antworten
„…..
Warum haben die Mehrlingsgeburten in den letzten Jahren so enorm zugenommen?
Hauptursache: Kinderwunschbehandlungen, vor allem die Künstliche
Befruchtung (IVF = In-Vitro-Fertilisation, ICSI = Intra-Cytoplasmatische Spermieninjektion). Durch den
Transfer von drei Embryonen soll eine realistische Chance auf ein Kind gegeben
werden. Das Embryonenschutzgesetz (ESG) erlaubt dieses Vorgehen. Die
behandelten Paare wissen, dass es hierbei in der Mehrzahl zur Einlings-,
Zwillings- oder zu gar keiner Schwangerschaft kommt. Sie wissen aber ebenso,
dass sich dadurch eine Drillingsschwangerschaft entwickeln kann. Alles ist
möglich!
Auch ‘einfache’ Hormonbehandlungen (mit Tabletten und Spritzen)
führen immer wieder zu Mehrlingsschwangerschaften.
Jeder Arzt darf Medikamente zur Auslösung eines Eisprungs oder ‘nur’ zur
Zyklus-Regulierung verschreiben. Dabei - wie auch in spezialisierten
Kinderwunschzentren - kommt es vor, dass eine Frau mit zu vielen Eisprüngen
reagiert. Wenn dann das Paar entgegen dem Rat der Ärzte zusammen schläft, kommt
es zur höhergradigen Mehrlingsschwangerschaft.
Der zweite Grund: Die erheblich gestiegenen Überlebenschancen für
alle Frühgeborenen, auch für kleinste, extrem Frühgeborene dank der
erfreulichen Fortschritte in der Pränatal- und Geburtsmedizin und in der Neonatologie.
Was
müsste getan werden, um höhergradige Mehrlingsschwangerschaften als Folge von
Sterilitätsbehandlungen zu vermeiden?
Kinderwunschbehandlungen gehören in die Hände von Spezialisten. Um
bei der künstlichen Befruchtung eine Mehrlingsschwangerschaft
sicher zu vermeiden, dürfte nur ein lebenskräftiger Embryo in die Gebärmutter
eingesetzt werden. So wird es in Skandinavien und anderen europäischen Ländern
mit 35 bis 40 Prozent Erfolg pro Versuch praktiziert. Dazu gehört jedoch, die
Zellen im Glas nach der Befruchtung bis zum Blastocysten-Stadium
mikroskopisch zu beurteilen.
Diese Methode ist den IVF-Spezialisten in Deutschland durch das
Embryonenschutzgesetz (ESG) verboten. Dadurch haben die Ärzte keine
Möglichkeit, den Embryo zu entdecken, der gute Chancen hat, sich einzunisten.
Solange das ESG nicht geändert wird, muss also mit einer weiteren Zunahme von
Drillingsschwangerschaften in Deutschland oder mit einem ‘Behandlungstourismus’
in Nachbarländer gerechnet werden.
Warum gibt es so wenig Literatur über Drillinge - im Gegensatz zur Zwillingsliteratur?
Während die Zwillingsforschung schon vor über 100 Jahren von Sir
Francis Galton (1822-1911) begründet wurde, hat die
‘Drillingsforschung’ erst begonnen. Drillinge konnte man bis 1983 nur sehr
selten finden. Die wissenschaftliche Literatur bezog sich bisher meistens auf
Schwangerschaft und Geburt von Drillingen - und auf die Entwicklung der frühgeborenen Mehrlinge. Eine
Dissertation über die psychosoziale Situation der Drillingsmütter (Jäger) - und
eine Diplomarbeit aus heilpädagogischer Sicht (Felber
- Suter) sind außerdem entstanden. Arbeiten über das
Dreiergruppen-Phänomen - gegenüber der Zwillingspaar-Situation - stehen noch
aus. Der Datenschutz verhindert, eine größere Anzahl aller zehn Kombinationen
von Drillings-Sets zusammen zu bekommen, um Vergleichsgruppen aufzustellen,
Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und Zufälle ausschließen zu können.
Die Bemühungen des ABC-Clubs, der durch freiwillige Angaben der Mehrlingsmütter ein eigenes Datenarchiv aufgebaut hat, sind
deshalb von unschätzbarem Wert.……“
Aus
dem Kapitel Bilanz und Ausblick:
„ ……… Drillingsschwangerschaften sind mit vielen Gefahren
verbunden, deshalb sollten sie nicht künstlich hervorgerufen werden
Trotz medizinischen Fortschritts sind und bleiben die Risiken bei
Drillingsschwangerschaften für Mutter und Kinder höher als bei
Zwillingsschwangerschaften. Kein Arzt kann voraussehen, wie der Körper einer
bestimmten Frau auf eine Drillingsschwangerschaft reagieren wird, vor allem,
wenn es ihre erste Schwangerschaft ist. Deshalb: Nein! zum Transfer von drei
Embryonen bei IVF - trotz aller Begeisterung für Drillinge. Zwei Embryonen sind
genug! Verlasst euch nicht auf Statistiken, sondern auf die Erfahrungen der Mehrlingsmütter im ABC-Club! Dazu gehört auch, dass immer
wieder Frauen ihre ganze Drillingsschwangerschaft früh verlieren - oder nach
sehr früher Geburt Behinderungen bei Kindern zurückbleiben.
Wer sich trotz der Warnungen um einer vermeintlich höheren Erfolgschance willen (für ein Kind!)drei Embryonen
transferieren lassen möchte, sollte sich vorher durch folgende Fragen ernsthaft
prüfen:
Bin ich bereit, das Risiko einer Drillingsschwangerschaft - auch
mit evtl. ungünstigem Ausgang - auf mich zu nehmen? Sind wir als Paar stabil
genug, die ungeheure Arbeitsbelastung der ersten Jahre nach der Geburt zu
tragen? Würde ich damit fertig werden, wenn meine Beziehung daran scheitern
sollte? Werde ich damit fertig, meine Berufstätigkeit für die Kinder über
längere Zeit aufzugeben? Werde ich damit fertig, meine persönlichen Interessen für
Jahre zurückzustellen, eine ‘Durststrecke’ auszuhalten? Könnte ich mit
eventuellen Behinderungen eines oder mehrerer Kinder leben? Könnte das mein
Partner? Hätte ich die nötige familiäre Unterstützung? Könnten wir allein
genügend Haushaltshilfe finanzieren? Könnten wir eine größere Wohnung, Auto,
Lebenshaltung usw. von einem Gehalt finanzieren? Wie würde ich auf die
teilweise sehr ablehnende Haltung der Mitmenschen reagieren? (Diese Fragen
stellte eine junge Frau)
Wovon hängt es ab, wie
eine Frau mit Drillingen fertig wird?
-
Von der eigenen und der Kinder Gesundheit - und ob noch
andere Kinder da sind
-
Von ihrer Persönlichkeit, ihrer praktischen Begabung, ihrer
inneren Einstellung, ihrem ‘Nervenkostüm’
-
Von der Partnerschaft
-
Von den wirtschaftlichen Verhältnissen, ob diese eine Finanzierung
von ausreichender Hilfe erlauben!!!
Ohne Änderungen auf
politischer Ebene geht es nicht
Die Situation für Mütter und Kinder ließe sich erheblich
verbessern - und enorme Kosten könnten gespart werden, wenn einige Gesetze
geändert würden.
Dazu gehört die unbedingt notwendige Neufassung des
Embryonenschutzgesetzes (ESG) unter Einbeziehung des §218, der Pränatal- und
der Präimplantationsdiagnostik. Das Ziel und die
möglichen Folgen einer solchen Änderung wären: Weniger Leid durch Fehl- und
Frühgeburten mit Behinderungsfolgen. Eindämmung der Teil- und Spätabtreibungen,
mehr Erfolg bei IVF durch Einsetzen nur eines, höchstens zweier Embryos.
Siehe Kapitel „Erste und allgemeine Fragen, kurze Antworten.
Allgemein sollten für Frauen Möglichkeiten geschaffen werden,
lange Ausbildungen, Studiengänge und Berufstätigkeiten zugunsten einer früheren
Familienphase zu unterbrechen (auf Eis zu legen) - um sie später regulär wieder
aufzunehmen. Das heißt, angefangene Ausbildungen/Studiengänge sollten
angerechnet werden. Frauen könnten dann ihre Familienplanung im biologisch
günstigen Alter leichter verwirklichen. Viele Komplikationen mit dem
Kinderkriegen samt Kosten würden wegfallen!
Mütter möchten seelisch gesunde, glückliche und selbstbewusste
Kinder großziehen, gleichzeitig ein eigenes Leben haben und irgendwann wieder
berufstätig sein. Das sind Konflikte, die Frauen nicht allein lösen
können. Eine Gesellschaft wie unsere müsste es aber schaffen, auf politischer Ebene
die Weichen für Lösungen zu stellen. Die Arbeit der Mütter sollte wie ein Beruf
anerkannt und durch Elternschulung gefördert werden. Andernfalls wird es
nur noch mehr Geburtenstreik geben...“