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LESEPROBE

Wie dieses Buch entstand

„Kinder sind das Nonplusultra im Leben“, sagte die Frauenärztin, die seit Jahrzehnten Kindern ins Leben verhalf, aber selbst keine hatte. „Beruf und Karriere sind nicht alles“, meinte sie. Ich stimmte ihr zu.
Mein Traum waren vier Kinder und die Ausübung eines eigenständigen, kreativen Berufes. Vorbilder für solch ein Frauenleben waren mir meine Mutter, meine Groß- und meine Urgroßmutter, die ihrer Zeit weit voraus waren und mich in das Thema ‘Emanzipation’ einführten: persönlich - oder durch hinterlassene Schriften. Jede der drei Frauen hatte viele Kinder in äußerlich bescheidenen, fast ärmlichen, aber sehr kultivierten Verhältnissen mit Hilfe von Kindermädchen aufgezogen. Deshalb konnten sie ihre gelernten Berufe (Erzieherin, Lehrerin, Krankenschwester), ihre künstlerischen und sprachlichen Talente als Pfarrfrauen weiterhin ausüben - ehrenamtlich, versteht sich. Dafür waren ihnen Ansehen, Anerkennung und Befriedigung sicher. Meine Ahnfrauen schrieben aus Leidenschaft für sich selbst, für Zeitschriften, vor allem aber für ihre Kinder, wie Jahrhunderte zuvor eine andere Mutter: die Glückel von Hameln (1646 - 1724) - „damit ihr wisst, wo ihr herkommt!“ Zwölf Kinder hatte die Glückel zur Welt gebracht - genau wie meine Urgroßmutter Amalie.

Unglaublich, was diese kinderreichen Mütter leisteten. Das Schreiben wollte ich ihnen nachmachen, aber ohne eine so große Kinderschar, bei der man ständig auf fremde Hilfe angewiesen ist. Irgendwann sollte dann das ‘Fünf-Generationen-Frauen-Erfahrungsbuch’ entstehen - aus uralten Schriften meiner Vormütter, aus neuen Beiträgen der Töchter und aus meinen eigenen Erfahrungen. Es würde spannend sein, in solch einer Schriftenfolge den Wandel der Verhältnisse und des Zeitgeistes zu sehen, und gleichzeitig das Zeitlose, Beständige der mütterlichen und kindlichen Grundbedürfnisse darin zu erkennen.
Ich kam nicht dazu.

Die Natur legte mir eine andere Spezialaufgabe in den Schoß: mein ‘viertes Kind’ - Drillinge! Arnt, Bernd und Christian hatten das seltene Glück, nach über 40 Wochen Schwangerschaftszeit reif und normal auf die Welt zu kommen. So wurde ich mit einem Schlag eine Sechskindermutter, die in der Arbeit für ihre große Familie versank. An Schreiben war nicht mehr zu denken.
Ich musste meine Träume auf Eis legen. Aber mein Leben blieb bunt und faszinierend mit Drillingen und der Dreiergruppe von Einzelkindern, die in dreieinhalb Jahren zuvor geboren worden waren. Welche Mutter hat schon die Chance, Entwicklungsschritte und Verhaltensweisen von unterschiedlichen Dreiergruppen zu beobachten, zu vergleichen und die Vor- und Nachteile für sich und ihre Kinder herauszufinden? Ich war stolz auf meine Sechs und trotz der vielen Arbeit meistens eine zufriedene Frau.

16 Jahre später: „Wissen Sie, dass Ihre Drillinge gelegentlich ...“, begann die Frau des Fahrschullehrers, der unsere älteren Töchter unterrichtet hatte. Ich machte mich wieder einmal auf Ungewöhnliches gefasst. „Wissen Sie, dass Ihre Drillinge mit dem Citroen ihrer Schwester --?“ Welcher Drilling das Auto zuletzt gesteuert hatte, konnte niemand sagen. „Wenn die Drei ohne Führerschein von der Polizei erwischt werden ---!!“, ging es mir durch den Kopf. Ich hatte keine Ahnung von den Schwarzfahrten meiner Jüngsten gehabt: Erstens, weil sich meine Kinder hervorragend auf selbständige Teamarbeit verstanden; zweitens, weil ich mir abgewöhnt hatte, jeden Schritt meiner Heranwachsenden zu kontrollieren, um die eigenen Ängste in Schach zu halten; drittens, weil ich in dieser Zeit große Sorgen um ein krankes, älteres Kind und um meine hochbetagte Mutter hatte. Da blieb auch die Suche nach einem befriedigenden Job für meinen dritten Lebensabschnitt auf der Strecke.
Kurz: Nach langen Jahren als stolze Mutter und oft gestresste Familienmanagerin geriet ich in eine depressive Phase. Warum? Wegen der Sorgen und Aufregungen in meiner Familie? Oder - weil ich den Anschluss an die außerhäusliche Berufswelt verpasst hatte? Oder - weil mich die Krise des mittleren Lebensalters, genannt Midlife-Crisis, erwischt hatte und alles in trübem Licht erscheinen ließ? Das konnte ich nicht zugeben, obwohl ich wusste, dass die hormonelle Umstellung, die Zeit der Midlife-Crisis, im Leben jeder Frau - Ende 40, Anfang 50 - eine gewisse Rolle spielt.

Da kam mir die Idee, mit älteren Drillingsmüttern Erfahrungen auszutauschen. Ich wollte wissen, wie sie den jahrelangen Stress überlebt hatten: erschöpft, depressiv, oder mit einem Sprung in eine interessante außerhäusliche Tätigkeit? Waren Schwierigkeiten mit unseren Jugendlichen auf den Einfluss aus Schule und Gesellschaft oder eher auf die Drillingssituation zurückzuführen? Oder spielten die Persönlichkeiten der Eltern, besonders der Mütter, eine Schlüsselrolle? Oder wirkte alles zusammen?
Vom Schreibtisch aus begann ich, Drillingsmütter wie Stecknadeln im Heuhaufen zu suchen. Ich wurde fündig und sah, dass ich mit meiner Krise kein Einzelfall war. Vor allem erkannte ich den riesigen Bedarf an Erfahrungsaustausch und konkreter Hilfe für jüngere Drillingsmütter. Für sie reichten die vorhandenen Informationen von Zwillingsmüttern nicht aus. Deshalb gründete ich 1982 die erste ‘Internationale Drillings- und Mehrlingsinitiative’ der Welt, den „ABC-Club“, benannt nach meinen Söhnen Arnt, Bernd und Christian. Meine Idee war, Daten, wichtige Informationen und Erfahrungen zu sammeln und für Mehrlingsfamilien nutzbar zu machen. Außerdem hoffte ich, dadurch neue Erkenntnisse aus der psychologisch-pädagogischen Forschung zu gewinnen.
Meine Bemühungen stießen auf so positives Echo, dass sich daraus ein weit gespanntes Netzwerk entwickeln ließ. Die Suche nach einem Job für meine dritte Lebensphase wurde dadurch hinfällig. Auch die Buch-Ideen mussten weiter ‘auf Eis’ gelegt werden.
Im Lauf von 20 Jahren ABC-Club erzählten mir einige Tausend Mehrlingsmütter von ihren Sorgen und Ängsten, von der Faszination und vom Glück mit ihren Drillingen. Seit 1983 meldeten sich zunehmend Frauen mit Drillings- bis Sechslingsschwangerschaften nach Sterilitätsbehandlungen. Von da ab setzte ich mich intensiv mit Problemen der Kinderwunschbehandlungen auseinander. Dabei waren mir die langjährigen Kontakte zur Medizinerwelt durch meinen früheren Beruf und durch meinen Mann äußerst hilfreich. Immer wieder wurde ich aufgefordert, in medizinischen Zeitschriften Artikel zum Thema ‘Drillinge’ zu veröffentlichen. Auf Kongressen der International Society for Twin Studies (ISTS), der Reproduktions-, Pränatal- und Geburtsmediziner wurde meinen Vorträgen aus der Sicht erfahrener Mütter sehr aufmerksam zugehört.

Die ABC-Arbeit wurde durch Ehrungen von der Stadt, Ländern und Bund ausgezeichnet. Elf Jahre nach der Gründung des Clubs durfte ich den großzügigen ‘Karl Kübel Preis 1993’ in Empfang nehmen, der von der international tätigen ‘Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie’ vergeben wurde. Der Stifter und seine Ehefrau gaben mir persönlich den Auftrag: „Ziehen Sie Bilanz! Es ist wichtig, Ihre außergewöhnlichen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnisse durch ein Buch an viele Menschen weiterzugeben!“ Ich versprach, es zu tun, und ich tat es gern.

So entstanden schließlich zwei Bücher: Ein autobiografisches, das zugleich ein Zeitdokument ist - und dieser Ratgeber. Beide Bücher enthalten die Bilanz meiner Erfahrungen aus 40 Jahren - und die von unzähligen anderen Drillings- und Vierlingsmüttern des In- und Auslands. Mit dem Ratgeber will ich Frauen in ungewöhnlicher Situation Mut machen, Denkanstöße und Tipps für praktische Hilfen geben. Gleichzeitig weise ich auf die enromen Risiken der höhergradigen Mehrlingsschwangerschaft hin, damit alles Vorbeugende für die werdenden Mütter und ihre Kinder getan werden kann. Ich möchte auch erreichen, dass durch entsprechende Beratung der Kinderwunschpaare vor Sterilitätsbehandlungen höhergradige Mehrlingsschwangerschaften der Gefahren wegen möglichst vermieden werden.

Natürlich dachte ich beim Schreiben besonders an die Nachkommen meiner Familie, in der es seit Generationen Zwillinge und seit 1964 auch Drillinge gibt.
Am Ende dieses Berichtes komme ich auf den Anfang zurück: Niemals hat mich beim Schreiben die Frauenfrage losgelassen, die stets vom Zeitgeist geprägt wird und das Schicksal vieler Mütter und Kinder bestimmt. Die Drillingsmütter-Thematik ist nur ein Teil davon. Das „Fünf-Generationen-Frauen-Erfahrungsbuch“ steht noch aus, aber die Ideen werden von meiner Tochter Almut, Professorin für Literatur und Frauenforschung in USA, weiter verfolgt.
Dieses kleine Werk entlasse ich nun in die Öffentlichkeit mit herzlichem Dank an meine Familie, besonders an meinen Mann. Ich danke herzlich meinen Freundinnen und Freunden - und Karl Kübel mit seiner großartigen Stiftung. Sie alle haben jahrelang meine ABC-Arbeit und die Entstehung dieses Buches mit Geduld und Respekt begleitet und unterstützt. Sie haben mich ermutigt, nicht aufzugeben, wenn mir die Arbeit zu viel wurde. Ihre Namen stehen auf einer besonderen Dankesliste. Durch unser Zusammenwirken und mein Durchhalten konnten die vorliegenden Erkenntnisse endlich anderen Betroffenen zugänglich gemacht werden.

Helga Grützner-Könnecke


 

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